Legenden über das Mittelalter
   
 

1. „Das Mittelalter ist das Zeitalter der Hexenverfolgung“

Immer wieder hören und lesen wir, dass im Mittelalter doch so viele Frauen gefangen, gefoltert und verbrannt worden seien und dass das Mittelalter deswegen eine so finstere Epoche sei.
Man könnte nicht falscher liegen! Kurz gesagt: Im Mittelalter gab es die große Welle der Hexenverfolgung noch nicht. Die Kirche war vielmehr damit beschäftigt, Europa zu christianisieren und Abweichler (die als „Ketzer“ bezeichnet wurden) von der römisch- katholischen Kirchenoberhoheit wieder in das „katholische Reich“ einzugliedern oder eben zu vernichten. Die Katharer sind ein berühmtes Beispiel dieses traurigen Kapitels und das Mittelalter ist voll von weiteren Beispielen, etwa die Auflösung von Ritterorden, wie der Deutsche Orden, die ursprünglich als Verteidiger und Bewahrer des Christentums gegründet wurden.
Die erste Hexe wurde 1275 in Toulouse verbrannt und damit im Zeitraum, den man als Hochmittelalter bezeichnet (Valentin, V. 1976. Illustrierte Weltgeschichte, Bd. 1, S. 393). Es brauchte fast den gesamten Zeitraum des Mittelalters bis die Idee der Hexenprozesse sich nach Deutschland, Spanien usw. ausbreitete und erst zu Beginn der Zeit der Aufklärung ab dem 16. Jahrhundert verfolgte die Inquisition Hexen und Zauberer in größerem Stile. Das was den Menschen heute als Hexenturm oder Folterkeller bekannt ist, sind keine Einrichtungen und Bezeichnungen des Mittelalters, sondern der so genannten „Neuzeit“ des 16. und 17. Jahrhunderts, also eines Zeitraumes, der dem Mittelalter chronologisch gesehen nachfolgt. Die Angst vor Hexen, Teufeln und Kobolden ist sicher keine Erfindung des 16. Jahrhunderts, jedoch wurde die Hexenverfolgung erst durch eine Verfügung des Papstes im 15. Jahrhundert ermöglicht. Im Mittelalter hingegen gab es von Seiten der Kirchenoberen, insbesondere der Päpste sogar Bestrebungen, den Glauben an Hexen und Geisterwesen einzuschränken, ja zu verbieten, da ein solcher Glaube nicht dem christlichen Verständnis einer von Gott geschaffenen Welt entspräche- Glaube an Hexen, Dämonen usw. sei „Aberglaube“, also falscher Glaube. Man ging davon aus, dass Gott keine Hexen, Kobolde, Dämonen usw. als Teil der Welt geschaffen habe, also könnte es solche gar nicht geben, sondern sei ein Relikt heidnischen Glaubens.
Quellen:
• Fischer-Fabian, S. 2000. Die Deutschen im späten Mittelalter. S. 281-307. Augsburg: Droemer Knaur
• Konstam, A. 2000. Europa im Mittelalter. S. 52- 54 S. 166- 168. Wien: Tosa Verlag
• Lea, H.C. 1905. Geschichte der Inquisition im Mittelalter. überbarb. Wieck, H., Rachel, M. Bd. 1-3. Bonn: Georgi
• Seibt, F. 1987. Glanz und Elend des Mittelalters- eine endliche Geschichte, S. 271- 281, S.521-582. Berlin: Siedler Verlag


2. „Jede mittelalterliche Burg hat einen Folterkeller“

Auch diese Aussage ist in das Reich der Legenden zu verweisen. Viele Besitzer von Burgen bzw. jene, die Führungen etc. organisieren, möchten natürlich möglichst viele Besucher in ihre Burg locken. Das bedeutet, dass Attraktionen gefunden werden müssen. Noch immer zieht das Leid anderer die Menschen magisch an und was Angst, Ekel und Schrecken auslöst, hält Besucher nicht fern, sondern lockt- es scheint wohl irgendwie der menschlichen Natur zu entsprechen, derartige Schauermärchen zu suchen.
Aus genau diesem Grund wurden auf Burgen Weinkeller oder Schweineställe zu Kerkern und Folterkellern erklärt und mit herbeigeschafften Instrumenten wie Streckbank, Halsgeige usw. ausgestattet.
Wieso ist der Folterkeller nicht typisch fürs Mittelalter?
Das hat mehrere Gründe: Erstens war es für einen Herren oder eine Herrin äußerst unattraktiv, Gefangene zu quälen, denn wenn Gefangene gemacht wurden, so waren das zumeist Personen des gleichen Standes, d.h. Adlige. (In Kämpfen hatte das Fußvolk kaum Gnade zu erwarten.) Da Adlige im Mittelalter nicht gerade sicher leben konnten, d.h. immer in Gefahr waren, bei einer der vielen Fehden selbst gefangen genommen zu werden, konnten sie es sich nicht leisten, Gefangene zu foltern- vielleicht könnte man ja selbst in eine derart „peinliche“ Situation geraten. Dabei mag mancher gar nicht an den körperlichen Schmerz gedacht haben, sondern an die Verletzung der Ehre, die im Mittelalter sehr viel gewogen haben durfte.
(Aus diesem Grund erklären sich viele „ehrverletzende“ Strafen wie das öffentliche „zur Schau gestellt werden“ etwa am Pranger. Dem mittelalterlichen Bewohner muss eine solche Strafe sicher sehr unangenehm gewesen sein.)
Weiterhin waren Gefangene „teuer“, d.h. sie aßen und tranken, sodass durchaus der Wunsch bestand, diese möglichst rasch wieder loszuwerden und zwar gegen das berüchtigte „Lösegeld“ (Zahlung zur Auslösung eines Gefangenen). Das berühmteste Beispiel hierfür ist die Gefangennahme König Richards von England, genannt Löwenherz, der sich während der Heimkehr nach einem Kreuzzug etwas länger „bayrischer Gastfreundschaft erfreute“.
Ein weiterer Grund, weshalb Folterkeller in Burgen eher unwahrscheinlich sind, ist schlicht der Platzmangel. Burgen waren keine geräumigen, komfortablen Wohnbauten, sondern militärische Bauwerke und daher vor allem nach praktischem Nutzen ausgerichtet. Die normannischen Wohntürme etwa, die Donjons waren dunkle, enge Gebäude, im Winter kalt und stets feucht und voller Qualm. Das erklärt auch, weshalb sich die Menschen damals so sehr auf den Frühling freuten, da sie sich nun wieder vermehrt im Freien aufhalten konnten, abseits ihrer unbequemen Behausungen. Mit dem Ende des Mittelalters und dem Beginn der Neuzeit wurden Umzüge des Adels aus den Burgen in behaglichere Wohnstätten häufiger- die vielen Schlösser der Neuzeit zeugen davon. Es wäre also töricht gewesen, im Mittelalter einen Raum als Folterort zu nutzen, wo man dort besser Lebensmittelvorräte anlegen konnte (auch in Form lebender Tiere).
Eine Art tiefes vergittertes Loch mag es in so mancher Burg gegeben haben. Wer dort eingesperrt war, der brauchte keine Folter. Diese „Löcher“ haben fast nie ein Fenster o.ä. und erwecken den Eindruck, tief unter der Erde zu sein, also der Hölle ziemlich nah. Das dürfte als Folter genügt haben.
Ein Folterkeller hat weiterhin keine abschreckende Wirkung. Daher wäre es sicher auch unattraktiv gewesen, einen störrischen Unfreien dort zu bestrafen. Dem Herren oder der Herrin nutzte es viel mehr, wenn Aufständische (Individuen, die sich gegen die bestehende, von Gott gegebene Ordnung auflehnten) nicht gefangen, sondern umgebracht wurden, sozusagen als Warnung für Nachahmer. Dies dürfte wohl ein Grund für die Öffentlichkeit von Bestrafungen und Hinrichtungen gewesen sein.
Quellen:
• Irsigler, F., Lassotta, A. 1991. Bettler und Gaukler, Dirnen und Henker- Außenseiter in einer mittelalterlichen Stadt. S. 228- 270. 4. Auflage. Köln: dtv
• Krahe, F. W. 1996. Burgen des deutschen Mittelalters- Grundriss- Lexikon. Augsburg: Bechtermünz- Verlag
• Meyer, W., Lessing, E. 1998. Deutsche Ritter deutsche Burgen. S. 62-122, S. 185- 204, S. 242. München: Bertelsmann.
• Seibt, F. 1987. Glanz und Elend des Mittelalters- eine endliche Geschichte, S. 582- 590. Berlin: Siedler Verlag

3. „Im Mittelalter herrschte ein König über alle“

Diese Legende, wie so viele, trifft viel eher auf eine andere Epoche zu, die chronologisch dem Mittelalter folgte: die Neuzeit, deren späterer Verlauf auch das Zeitalter des Absolutismus genannt wird.
Das Mittelalter ist keine solch absolutistische Epoche ! Es gab z.B. gegen Könige Widerstände, sogar Kriege zweier Personen, die Anspruch auf die Königswürde erhoben. Zudem hatte der König in Deutschland meist nur solange Macht über einen Fürsten, bis der König bzw. Kaiser wieder von dannen zog und zur nächsten Station seiner Reise. Dann scherte sich der Fürst eher wenig um die Herrschaft seines Königs.
Im Mittelalter gab es auch nicht den Begriff des Untertanen, denn das Mittelalter ist insgesamt ein Zeitalter hoch komplexer Beziehungen der Menschen untereinander. So konnte z.B. ein Adliger Land von mehreren Herren „geliehen“ bekommen (Lehen) und stand daher bei mehreren in der Pflicht, Dienste zu leisten. Auf wessen Ruf er dann folgte, blieb im selbst überlassen.
Das Mittelalter ist das Zeitalter des Feudalismus, d.h. Herren „verleihen“ Land und erhalten dafür Dienste. Das berechtigte noch lange nicht dazu, die völlige Gewalt über einen Menschen zu erlangen. Vielmehr hatten die Menschen aufgrund ihres Standes bestimmte Rechte. Ein Freier hatte deutlich mehr Rechte als ein Unfreier, ein Adliger konnte seine Rechte besser durchsetzen als ein Handwerker, Bauer usw.
Das Mittelalter zeichnet sich eigentlich nicht durch eine absolute Herrschaft eines Königs aus, sondern im Gegenteil, bedeutete für viele Königsfamilien den immerwährenden Kampf um die Herrschaft, die in Frankreich zu einer Zentralisierung des Staates führte, in England zu einer Monarchie mit demokratischen Anteilen und in Deutschland zusammen mit Spanien zu einem Weltreich unter den Habsburgern und letztlich doch zur Zersplitterung des Reiches in unabhängige Fürstentümer.
Quellen (hier nur Auswahl):
• Evans, J. 1980. Blüte des Mittelalters. München, Zürich: Droemer Knaur
• Fischer-Fabian, S. 2000. Die Deutschen im späten Mittelalter. Augsburg: Droemer Knaur
• Heath, I., Nicolle, D., McBride, A. 2003. Wikinger und Normannen. Sankt Augustin: Siegler.
• Koch, H.W. 1998. Illustrierte Geschichte der Kriegszüge im Mittelalter. Augsburg: Weltbild Verlag.
• Konstam, A. 2000. Europa im Mittelalter. Wien: Tosa Verlag
• Meyer, W., Lessing, E. 1998. Deutsche Ritter deutsche Burgen. S. 62-122, S. 185- 204, S. 242. München: Bertelsmann.
• Seibt, F. 1987. Glanz und Elend des Mittelalters- eine endliche Geschichte. Berlin: Siedler Verlag


Wenn der Leserin oder dem Leser weitere Legenden über das „finstere Mittelalter“ bekannt sind, die der Leserin oder dem Leser schon immer ein Dorn im Auge sind, schickt sie uns und wir werden versuchen, die Legenden mit geschickten Worten zu enttarnen.

Autor: Nikardus von Buchenstein

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